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Stell dir vor, du stehst im Laden oder surfst im Netz nach neuen Kopfhörern. Überall liest du kryptische Zahlen wie 20 Hz bis 20 kHz oder siehst gezackte Linien, die an ein Gebirge erinnern. Das ist der Frequenzgang, und obwohl er trocken aussieht, entscheidet er darüber, ob deine Lieblingsmusik fett und druckvoll oder blechern und nervig klingt.
Wenn du verstehst, was hinter diesen Kurven steckt, kaufst du nie wieder die Katze im Sack. Du lernst nämlich zu lesen, wie viel Bass, Stimme oder Glanz ein Kopfhörer wirklich liefert, bevor du ihn überhaupt aufgesetzt hast. Das spart dir Fehlkäufe und hilft dir, genau den Sound zu finden, der zu deinen Ohren passt.
In der Welt der Audiotechnik ist der Frequenzgang wie ein Fingerabdruck des Klangs. Er verrät dir, wie ehrlich ein Kopfhörer mit der Musik umgeht. Egal ob du fetten Hip-Hop-Bass suchst oder jedes Detail in einem Podcast hören willst – dieses Wissen ist dein wichtigstes Werkzeug für richtig guten Sound.
Die Grundlagen: Was genau misst der Frequenzgang?

Wenn wir über den Frequenzgang sprechen, geht es im Grunde darum, wie laut ein Kopfhörer bestimmte Tonhöhen wiedergibt. Töne entstehen durch Schwingungen. Langsame Schwingungen erzeugen tiefe Bässe, während sehr schnelle Schwingungen für hohe Töne sorgen. Die Anzahl dieser Schwingungen pro Sekunde messen wir in Hertz. Ein Standard-Kopfhörer deckt meist den Bereich von 20 bis 20.000 Hertz ab.
In einer idealen Welt würde ein Kopfhörer jedes Signal genau so laut wiedergeben, wie es in der Aufnahme steckt. Das nennt man eine lineare Wiedergabe.
In der Realität betonen Kopfhörer aber oft bestimmte Bereiche oder lassen andere leiser erscheinen. Der Frequenzgang ist das Messergebnis dieses Verhaltens. Er zeigt uns auf einer Grafik, bei welcher Frequenz der Kopfhörer Gas gibt und wo er eher schüchtern bleibt.
Man kann sich das wie einen Lautstärkeregler für jeden einzelnen Tonbereich vorstellen. Wenn die Kurve im Bereich der tiefen Zahlen hochgeht, hat der Kopfhörer viel Bass. Sinkt sie bei den hohen Zahlen ab, klingt er eher dumpf. Diese Messung wird meistens in Dezibel angegeben.
Sie ist eine objektive Landkarte des Klangs, die unabhängig von deinem persönlichen Empfinden existiert. So lässt sich technisch festhalten, wie sich die Hardware verhält.
Kurz gesagt: Der Frequenzgang zeigt dir wo ein Kopfhörer lauter oder leiser spielt – nicht wie gut er das tut.
Das menschliche Gehör vs. Messkurve: Die Rolle der Psychoakustik
Hier wird es richtig spannend, denn unsere Ohren sind keine perfekten Mikrofone. Wir hören tiefe Bässe und sehr hohe Töne von Natur aus leiser als Mitten, in denen zum Beispiel die menschliche Sprache liegt. Selbst wenn ein Kopfhörer technisch gesehen alle Töne exakt gleich laut wiedergibt, würde das für uns nicht unbedingt „richtig“ klingen. Unser Gehirn und die Form unserer Ohrmuscheln verändern die Wahrnehmung massiv.
Die Psychoakustik untersucht genau diesen Unterschied zwischen dem, was physikalisch messbar ist, und dem, was wir fühlen. Ein wichtiger Punkt ist die sogenannte Außenohrübertragungsfunktion. Da der Schall beim Kopfhörer direkt in den Gehörgang geleitet wird, fehlen die natürlichen Verformungen, die Schallwellen normalerweise an deinem Kopf erfahren. Ein guter Kopfhörer muss diesen Effekt elektronisch oder mechanisch ausgleichen, damit es natürlich klingt.
Deshalb ist eine komplett flache Linie in einem Diagramm oft gar nicht das Ziel. Wenn du eine Messkurve siehst, die im Hochtonbereich einen Buckel hat, sieht das technisch nach einer Verstärkung aus. Für deine Ohren kann das aber genau die Korrektur sein, die nötig ist, damit der Klang realistisch wirkt.
Das Verständnis dafür hilft dir zu begreifen, warum manche Kopfhörer trotz „krummer“ Kurve in Tests so gefeiert werden. Es geht immer um das Zusammenspiel zwischen Technik und Biologie.
Klangsignaturen verstehen: Von „Neutral“ über „V-Shape“ bis „Warm“
Jeder Kopfhörer hat einen eigenen Charakter, den wir Klangsignatur nennen. Diese Signaturen lassen sich wunderbar am Frequenzgang ablesen. Wenn du weißt, welche Vorlieben du hast, kannst du Kopfhörer anhand dieser Begriffe gezielt aussortieren. Hier sind die wichtigsten Typen, die dir begegnen werden:
- Neutral (Flach): Dieser Kopfhörer versucht, nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen. Er ist ideal für Profis, die Musik mischen, kann für den Alltag aber manchmal etwas langweilig oder „dünn“ wirken.
- V-Shape (Badewanne): Hier werden Bässe und Höhen betont, während die Mitten abgesenkt sind. Das sorgt für viel Energie und Spaß. Es ist die klassische Abstimmung für modernen Pop, Rock und Gaming.
- Warm: Bei dieser Signatur sind die Bässe und unteren Mitten leicht angehoben. Das sorgt für einen gemütlichen, vollen Klang, der auch bei langem Hören nicht anstrengt.
- Hell (Bright): Hier liegt der Fokus auf den Höhen. Das bringt viele Details zum Vorschein, kann aber bei schlechten Aufnahmen auch mal im Ohr zwicken.
Es gibt kein Richtig oder Falsch bei diesen Signaturen. Ein V-Shape-Kopfhörer macht im Fitnessstudio vielleicht mehr Spaß, während du für ein klassisches Konzert eher zur neutralen Variante greifst. Wichtig ist nur, dass du die Begriffe kennst, um Beschreibungen in Testberichten richtig deuten zu können. Deine Lieblingsmusik bestimmt letztlich, welche Signatur für dich die beste ist.
Viele Hersteller bewegen sich heute irgendwo zwischen diesen Extremen – die Begriffe sind Orientierungshilfen, keine festen Regeln.
Harman-Target und Diffusfeld-Entzerrung: Warum eine gerade Linie nicht ideal klingt

In der Forschung hat man lange nach der perfekten Kurve gesucht. Dabei ist man auf das sogenannte Harman-Target gestoßen. Wissenschaftler haben in Studien herausgefunden, dass die Mehrheit der Menschen einen Klang bevorzugt, der dem von guten Lautsprechern in einem gut gedämmten Raum entspricht.
Das bedeutet konkret: ein leicht angehobener Bass und eine ganz spezifische Anpassung in den Höhen.
Früher gab es auch die Diffusfeld-Entzerrung. Dabei wurde versucht, den Kopfhörer so klingen zu lassen, als käme der Schall von allen Seiten gleichzeitig in einem reflektierenden Raum. Das Ergebnis klang oft sehr räumlich, aber für viele Nutzer auch etwas zu scharf in den Höhen und zu schwach im Bass. Das Harman-Target ist heute der moderne Goldstandard, an dem sich viele Hersteller orientieren.
Warum ist das wichtig für dich? Wenn du eine Messkurve siehst, wird diese oft mit einer Zielkurve wie dem Harman-Target verglichen. Weicht der Kopfhörer stark davon ab, klingt er „speziell“. Liegt er nah dran, empfinden ihn die meisten Menschen als sehr natürlich und angenehm.
Diese Zielkurven sind also so etwas wie das Rezept für einen Klang, der fast jedem schmeckt. Wenn ein Hersteller sich strikt daran hält, gehst du beim Kauf ein geringeres Risiko ein.
Die Grenzen der Grafik: Was der Frequenzgang nicht über die Klangqualität aussagt
Der Frequenzgang ist ein mächtiges Werkzeug, aber er ist nicht alles. Er verrät dir zwar, wie laut die Töne sind, aber nicht, wie präzise sie klingen. Ein Diagramm kann dir zum Beispiel nicht sagen, ob der Bass „matschig“ ist oder ob er trocken und schnell auf den Punkt kommt.
Diese zeitliche Komponente, wie schnell ein Treiber startet und wieder stoppt, sieht man in der Standard-Kurve nicht.
Ein weiteres Thema ist die Verzerrung. Zwei Kopfhörer können exakt den gleichen Frequenzgang haben, aber einer davon klingt sauber, während der andere bei hoher Lautstärke kratzt oder unsauber wird. Auch die Bühne und die Ortung – also das Gefühl, wo im Raum die Instrumente stehen – lassen sich nur sehr schwer aus einer zweidimensionalen Frequenzkurve herauslesen.
Das Material der Membranen und die Bauweise des Gehäuses spielen hier eine riesige Rolle.
Du solltest den Frequenzgang also als groben Fahrplan sehen, aber nicht als das ganze Abenteuer. Er sagt dir, wohin die Reise geht (viel Bass, wenig Höhen), aber er sagt dir nicht, wie komfortabel das Auto fährt. Deshalb sind subjektive Testberichte und das eigene Probehören nach wie vor unverzichtbar. Die Kurve schließt schlechte Kandidaten aus, aber deine Ohren wählen den Sieger.
Den Frequenzgang lesen: So interpretierst du Bass, Mitten und Höhen in einem Diagramm
Um eine Kurve zu lesen, teilst du sie am besten in drei Zonen ein. Links findest du den Bassbereich (ca. 20 bis 250 Hz). Wenn die Linie hier nach oben wandert, spürst du den Druck in der Magengrube. Ein starker Anstieg im Tiefbass sorgt für echtes Club-Feeling, während ein Buckel im Oberbass den Klang oft „kickender“ macht, aber bei Übertreibung auch zum Dröhnen führen kann.
In der Mitte liegt der Bereich zwischen 250 und ca. 3.000 Hz. Das sind die Mitten. Hier spielt sich fast alles ab, was wir als Information wahrnehmen: Stimmen, Gitarren und die meisten Instrumente. Ist die Kurve hier sehr unruhig mit vielen Zacken, können Stimmen verfärbt oder blechern klingen.
Eine gleichmäßige, sanfte Kurve in diesem Bereich deutet auf eine sehr natürliche Wiedergabe hin, bei der du Sänger so hörst, wie sie wirklich klingen.
Rechts auf der Grafik befinden sich die Höhen (ab 3.000 Hz). Dieser Bereich ist für die Schärfe, die Details und die Luftigkeit des Klangs zuständig. Viele kleine Zacken sind hier normal, da die Bauform des Kopfhörers hier starke Auswirkungen hat.
Aber Vorsicht: Riesige Spitzen in diesem Bereich führen oft dazu, dass S-Laute beim Sprechen zischen oder deine Ohren schnell ermüden. Ein sanfter Abfall zu den ganz hohen Frequenzen hin wird oft als angenehmer empfunden.
Praxis-Check: Wie du den Frequenzgang zur Kaufentscheidung nutzt
Wenn du jetzt vor der Entscheidung stehst, welcher Kopfhörer dein nächster wird, nutzt du den Frequenzgang wie einen Filter. Such dir im Internet Messungen deiner aktuellen Kopfhörer und vergleiche sie mit dem Modell, das du im Auge hast. Gefällt dir dein aktueller Sound, suchst du nach einer ähnlichen Kurve.
Willst du mehr „Wumms“, achte auf einen deutlicheren Anstieg im linken Bereich der Grafik.
Achte beim Vergleichen darauf, dass die Messungen vom selben Tester oder derselben Website kommen. Da verschiedene Messstationen (künstliche Köpfe und Ohren) unterschiedlich reagieren, sind Kurven von verschiedenen Quellen oft schwer vergleichbar. Eine verlässliche Quelle ist Gold wert.
Schau dir besonders den Bereich der Mitten an: Wenn dort ein tiefes Loch ist, werden Stimmen hinter den Instrumenten untergehen. Das ist oft ein Zeichen für billig abgestimmte Gaming-Headsets.
Nutze Tabellen oder Datenbanken, die Kopfhörer direkt übereinanderlegen können. So siehst du sofort, ob Modell B im Vergleich zu Modell A nur Marketing-Blabla ist oder wirklich eine andere Klangcharakteristik bietet. Der Frequenzgang hilft dir dabei, Hype von Fakten zu trennen.
Wenn ein Hersteller mit „tiefstem Bass“ wirbt, die Kurve aber schon bei 60 Hz steil abfällt, weißt du sofort, dass das Versprechen nicht gehalten wird.
Sound-Tuning: Den Frequenzgang mittels Equalizer (EQ) aktiv beeinflussen

Das Beste am Wissen über den Frequenzgang ist, dass du ihn nicht einfach hinnehmen musst. Wenn du einen Kopfhörer hast, der dir eigentlich gut gefällt, der aber einen Tick zu viel Höhen hat, kannst du das korrigieren. Ein Equalizer ist im Grunde ein Werkzeug, mit dem du den Frequenzgang deines Kopfhörers verbiegst. Du greifst manuell in die Kurve ein und passt sie an deine Wünsche an.
Es gibt heute tolle Apps und Software, die bereits fertige Korrekturprofile für hunderte Kopfhörermodelle anbieten. Diese Profile versuchen, den Frequenzgang deines Modells so zu verändern, dass er fast perfekt dem Harman-Target entspricht.
Du kannst so aus einem mittelmäßigen Kopfhörer oft einen richtig gut klingenden machen, indem du kleine technische Schwächen einfach „glattbügelst“.
Aber übertreibe es nicht. Wenn du den Bass per EQ extrem nach oben schraubst, obwohl der Kopfhörer das technisch nicht leisten kann, entstehen Verzerrungen. Ein EQ sollte eher wie ein Gewürz beim Kochen verwendet werden: ein bisschen hier korrigieren, ein bisschen dort verfeinern.
Wenn du verstehst, bei welcher Frequenz das Problem liegt (zum Beispiel ein nerviges Zischen bei 8.000 Hz), kannst du es gezielt absenken und dein Hörerlebnis massiv verbessern, ohne neues Geld auszugeben.
Dein Weg zum perfekten Sound: Ausprobieren geht über Studieren
Du weißt jetzt, dass der Frequenzgang kein trockenes Diagramm ist, sondern die Seele deines Kopfhörers beschreibt. Aber Theorie ist eben nur die halbe Miete. Die wichtigste Frage bleibt: Was fühlst du, wenn du die Musik einschaltest? Messkurven geben dir eine hervorragende Orientierung und bewahren dich vor teuren Fehlgriffen, aber sie können dir nicht vorschreiben, was dir zu gefallen hat.
Vielleicht liebst du ja genau die Verzerrungen oder die überbetonten Bässe, die ein Purist ablehnen würde? Das ist völlig okay! Nutze dein neues Wissen, um mit Equalizern zu spielen oder verschiedene Modelle bewusst miteinander zu vergleichen.
Trau dich, auch mal Kopfhörer zu testen, deren Kurve auf den ersten Blick „falsch“ aussieht – manchmal ist genau diese Eigenart das, was dich packt.
Bleib neugierig und vertrau am Ende immer deinem eigenen Gehör. Der perfekte Frequenzgang ist der, bei dem du die Welt um dich herum vergisst und einfach nur die Musik genießt. Welches Modell wirst du als Nächstes unter die Lupe nehmen?





